Die Lage lässt sich in Zahlen beschreiben. Arbeitslosenquote unter Migranten: fast 10 %. Am stärksten betroffene Gruppe: Migranten türkischer Abstammung mit 12, 8 %, gefolgt von jenen exjugoslawischer Herkunft mit 9, 9 %. Anteil der 24- bis 29-jährigen Migranten, die maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen: 49, 4 %.
Jugendliche Migranten türkischer Herkunft, die keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung haben: 75 %. Migranten aus Exjugoslawien, deren höchster Bildungsabschluss die Pflichtschule ist: 50 %. Anteil der türkischstämmigen Arbeitslosen, deren höchster Bildungsabschluss die Pflichtschule ist: 90 %. Anteil der Migranten aus Exjugoslawien ohne Erwerbstätigkeit, deren höchster Bildungsabschluss die Pflichtschule ist: 79 %.
Arbeitslose ausländische Jugendliche zwischen 20 und 24 Jahren ohne formale Ausbildung: 71 % (bei Jugendlichen mit österreichischer Staatsbürgerschaft: 36 %) . Dequalifikationsquote von Migranten (Anteil der Personen mit einem Beruf unter ihrem Ausbildungsniveau) : 39 % (Österreicher: 16 %) . Erwerbsquote von Frauen türkischer Abstammung: 36 % (durchschnittliche Frauenerwerbsquote in Österreich: 53, 3 %).
Nur 4% der türkischstämmigen Migranten der zweiten Generation – also der bereits in Österreich Geborenen – maturieren. Der Anteil der Uni-Absolventen unter ihnen geht gegen null. 32 % der 15- bis 24-jährigen türkischstämmigen Mädchen und Frauen bleiben im Haushalt (Inländerinnen: 3 %) . Türkischstämmige Migranten, die heute noch Arbeiter sind: 34.000 von 39.800, das sind 85 % (Österreicher: 22 %).
Man muss diese Zahlen schon zusammensuchen, aber immerhin, es gibt sie: im Österreichischen Migrations- und Integrationsbericht, in Expertenbeiträgen zur Migration, in einschlägigen Fachpublikationen, in diversen Ministerien. Was sie beschreiben, bezeichnen Sozialwissenschafter als „humanitäres Desaster“ und „volkswirtschaftliches Problem erster Ordnung“. Der deutsche Journalist Hans-Ulrich Jörges nennt die ungelöste Integration von Zuwanderern „das gefährlichste soziale Problem in Deutschland“. Aber das gilt nicht nur für Deutschland.
Wer die Arbeitsmarktsituation von Migranten betrachtet, kommt zu dem Schluss: Sozia ler Aufstieg hat hier nicht stattgefunden. Margit Kreuzhuber, Migrationsexpertin der Wirtschaftskammer, führt das auch auf die geschichtliche Entwicklung der Zuwanderung in Österreich zurück: „Wir haben das Gastarbeitersystem gehabt. Jeder ist davon ausgegangen, das wäre vorübergehend. Um Integration hat sich niemand gekümmert. Wofür, wenn jemand nur kurz da ist? “
Jetzt sind die Auswirkungen zu spüren: Ältere Migranten waren oder sind in Industrien beschäftigt, die niedrig qualifizierte Arbeitnehmer wegrationalisieren oder ihre Produktion in Billiglohnländer verlagern. Die nun Arbeitslosen waren oft direkt aus der Pflichtschule zu Hilfs- und Anlernarbeitern geworden. Das war zu einer Zeit, in der man Kraftfahrer oder Lagerarbeiter ohne Berufsausbildung brauchen konnte. Inzwischen fahren neue Migranten aus Osteuropa billiger, und auch im Warenlager hat der Computer Einzug gehalten.
Ihre Nachkommen weisen kein wesentlich höheres Bildungsniveau auf. Drei Viertel haben keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung, zum Teil nicht einmal über einen Hauptschulabschluss.
Sprachliche Defizite erschweren schon die Jobsuche, denn Bewerbungen voller Rechtschreibfehler werden zuallererst aussortiert. Nur 60 % der beim Arbeitsmarktservice Wien vorgemerkten jugendlichen Migranten haben die zuletzt besuchte Schule abgeschlossen.
Beschäftigung ist ein Schlüsselelement für gelingende Integration, der Status quo aber eher ein Panorama der vergebenen Chancen – für das Leben der Migranten selbst und für die Gesellschaft, in der sie leben. Die Lage trägt auch nicht zu ihrer Akzeptanz bei: „Eine hohe Arbeitslosigkeit unter Migranten kann sich negativ auf die öffentliche Einstellung zu ihnen auswirken und die Integration behindern“, formuliert der Expertenbericht des Innenministeriums – gefährlicher sozialer Sprengstoff. Dabei braucht Österreich Zehntausende Fachkräfte, die im Land fehlen. Ohne Zuwanderer ist dem Mangel nicht beizukommen.
Das Reparaturprogramm ist mannigfach und teuer. Es reicht von mehr bedarfsorientierter Ausbildung, mehr Beratung und stärkerer Einbeziehung von Migranten bei der Qualifizierung für Mangelberufe bis zu Mentoren programmen, mit denen die Wirtschaftskammer oder die öffentliche Hand diejenigen, die hier sind, besser zu qualifizieren versuchen. In Deutschland tun das sogar private Initiativen.
In Berlin hat Nihat Sorgec das Bildungswerk Kreuzberg (BWK) gegründet, in dem regelmäßig 90 % der zuvor gescheiterten Jugendlichen eine Lehrausbildung schaffen. Sorgec selbst hat türkische Wurzeln. Der heute 50-jährige Sohn eines Heizers und einer analphabetischen Mutter schaffte Hauptschule, zweiten Bildungsweg und schließlich Ingenieursstudium. Er wundert sich, dass Deutschland seine Gastarbeiter jahrzehntelang sich selbst überlassen habe und jetzt über die gescheiterte Integration erschrocken sei.
„Diesen Fehler“, sagt er, „wollen wir nicht noch einmal begehen.“
Quelle: Henri! Das Magazin - das fehlt.
http://henri.cantat.com/index.php